Sonntag, 28. Februar 2010

Die echte Medienrevolution ist das Hörbuch

Wer hat schon noch Zeit zum Lesen? Das Medienverhalten ändert sich, und das Hörbuch ist optimal darauf eingestellt: Lektüren, zu denen man seit Jahren nicht gekommen ist, werden uns plötzlich ins Ohr geträufelt – beim Kochen, Geschirrspülen, Im-Stau-Stehen, Die-S-Bahn-Herbeisehnen.

Revolution ist anderswo. Viel Aufregung gibt es derzeit über die nächste Generation der E-Books und über Apples iPad. Die Freunde angesagter Accessoires jubeln, und die Verlage und Händler üben sich eilfertig in den entsprechenden Geschäftsanpassungen. Die meisten Konsumenten tangiert die revolutionäre Rhetorik aber nur in begrenztem Maß.

Ob man Texte auf Bildschirmen oder auf Papier liest, ist doch gar nicht so ein entscheidender Unterschied – wenn die Zeit für Lektüre sowieso immer viel zu knapp ist und von den tausend Büchern, die man entweder im Regel stehen oder auf die Festplatte geladen hat (oder beides), sowieso nur höchstens zwei im Monat schafft.

Eine echte Medien-Revolution auf Seiten des Nutzers war (ist!) dagegen das Hörbuch. Denn der Lektürevorgang verändert sich dramatisch, wenn man vom Sehen, das die ganze Aufmerksamkeit fordert, zum Hören wechselt. Lektüren, zu denen man seit Jahren nicht gekommen ist, werden uns plötzlich ins Ohr geträufelt – beim Kochen, Geschirrspülen, Kelleraufräumen, Hemdenbügeln, Rasenmähen, Spazierengehen, Im-Stau-Stehen, Die-S-Bahn-Herbeisehnen.

Zauberberg, akustisch

Klingt übertrieben? Nun, lesen wir doch einfach, was ein Kunde, der diese Medien-Revolution am eigenen Leib erfahren hat, nach akustischem Genuss des „Zauberbergs“ dankbar dem Internetbuchhändler seines Vertrauens schreibt: „In früheren Jahren bin ich mehrfach an der Lektüre dieses Buches gescheitert. Mir fehlte oft auch die Zeit und die Ruhe, dieses mächtige Werk in einem Stück zu bewältigen. Seit Jahren fahre ich nun mit dem Auto täglich zur Arbeit, was ca. 30-45 Min. pro Weg benötigt. Oft habe ich mich über diese verlorene Zeit geärgert, bis ich vor 2 Jahren begann, diese Zeit-Brache mit dem Hören von Hörbüchern sinnvoll auszufüllen.

Das war eine Offenbarung! Seither fahre ich langsamer und entspannter, um den Geschichten zuzuhören (und fahre dennoch konzentriert!). So habe ich nun auch den ‚Zauberberg’ gehört und konnte feststellen, dass mir dieses Werk in der Form des Hörbuches auf einmal sehr zugänglich war, was mich freudig überraschte! Ich war wie verzaubert und wäre am liebsten immer noch weiter gefahren, um der Geschichte zu folgen!“

Zeitbrachen aufforsten

Freude, Zauber, Offenbarung – kein Wort scheint diesem Mann zu groß, um uns die einschneidende Erfahrung nahe zu bringen. Solche Damaskus-Erlebnisse, solche lebensverändernden Umwälzungen des Medienkonsums habe ich, ehrlich gesagt, in Zusammenhang mit dem E-Book bisher noch nirgends vernommen.

Deshalb wäre es schön, wenn die Hörbuch-Verlage wieder mit etwas mehr angemessenem Sendungsbewusstsein zu Werke gingen. Und nicht bloß auf Killer und Comedians als Umsatzbringer setzen würden. Zeit-Brachen wollen schließlich nachhaltig aufgeforstet werden.

Quelle: boersenblatt.de
Foto: Wolfgang Schneider | © Tobias Bohm


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