Donnerstag, 18. Februar 2010

Hörbücher 2010: Konsolidierung, Trends und neue Wege

Vom 18. bis 21. März präsentiert die Leipziger Buchmesse – schon zum elften Mal in Folge - einen Querschnitt aus allen Bereichen des aktuellen Hörbuchmarkts. Nie zuvor war der Hörbuchbereich der Messe so vielfältig: Ein Viertel der gesamten Halle 3 dreht sich ausschließlich ums gesprochene Wort - denn Hörliteratur steht im deutschen Sprachraum hoch im Kurs.

Thomas Alva Edison und Edouard-Léon Scott de Martinville hätten sich vor gut 150 Jahren wohl nicht träumen lassen, dass ihre ersten Geräte für die Aufzeichnung von Tönen später einmal den Weg zu einem Massenmarkt an akustischen Büchern ebnen könnten. Beide Erfinder nahmen Kinderlieder auf: Edison rezitierte "Mary had a little lamb" (Phonograph 1877), Scott ließ "Au clair de la lune" erklingen (Phonoautograf 1860) – sozusagen als die ersten Musiktonträger und Vorläufer der beliebten "Sprechplatten" der 1920er- und 30er Jahre.

Historische Ausstellung zur Buchmesse

Vom Grammofon über Tonbandgeräte und Kassetten bis zum CD- und MP3-Player, sogar Hörbücher auf Micro-SD-Speicherkarten - die Meilensteine in der Geschichte von Hörspielen und Lesungen sind so zahlreich und bedeutsam, dass ihnen die Leipziger Buchmesse 2010 eine eigene Ausstellung widmet. Zu sehen sind auch CDs und Abspielgeräte für das zukunftsweisende Hörbuchformat DAISY sowie die schönsten "Crossmedia"-Produkte für junge Leser und Hörer.

Hörbuchmarkt weiter gewachsen

Mit ihrem Hörbuch-Schwerpunkt positioniert sich die Leipziger Buchmesse als Orientierungshilfe auf einem Markt, der immer größer, vielfältiger und damit auch unübersichtlicher wird. Jedes Jahr erscheinen etwa 2.000 neue Titel, insgesamt sind 25.000 Hörbücher von 600 Verlagen erhältlich, und trotz eines vergleichsweise schwachen Starts 2009 legte das seit langem erfolgreiche Buch-Segment zum Jahresschluss weiter zu. Laut GfK Media Control kletterte der Umsatz mit Hörbüchern von 180 auf jetzt gut 200 Millionen Euro. In Stückzahlen gerechnet, wurden 6,7 Prozent mehr Hörbücher als im Vorjahr verkauft. Zu den Trends gehören Sachhörbücher, vor allem für junge und auch ältere Hörer, sowie Hörspiele und Lesungen für Kinder und Jugendliche. Weiterhin ungebrochen ist die Beliebtheit beim erfolgreichsten Hörbuch-Genre Krimi und Thriller.

Zwölf Millionen deutsche Hörer

Dass sich das Medium längst als eigenständige Form der Literaturrezeption durchgesetzt hat, beweist noch eine andere Zahl: Zwölf Millionen Deutsche nutzen Hörbücher regelmäßig - neben der CD auch immer mehr als Download. "Das Hörbuch hat sich als Umsatzgarant etabliert", stellt Ines Wallraff fest, Marketingleiterin bei Random House Audio und Sprecherin des Arbeitskreises Hörbuchverlage beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels, wo man gemeinsam daran arbeitet, das Hörbuch weiter voranzubringen (www.hoerbuchverband.de). "An uns Verlage stellt sich die Aufgabe, die schillernde Programmvielfalt des Mediums mit kreativen Aktionen unter Beweis zu stellen und damit Kunden und Handel auch weiterhin zu überraschen."

Über 100 Aussteller, Fachforen und Hörbuchhandlung

Seit dem Jahr 2000 begleitet die Leipziger Buchmesse diese immense Vielfalt mit einem stetig gewachsenen Hörbuchbereich, der mittlerweile ein Viertel der Messehalle 3 ausmacht. Über 100 Aussteller - die wichtigsten Verlage, Rundfunkanstalten und Dienstleister rund ums Hörbuch – präsentieren sich auf einem auch optisch abwechslungsreichen Gemeinschaftsstand. Mehrere Tausend Hörbücher, die auf der Messe ausgestellt sind, bietet eine eigens eingerichtete Hörbuchhandlung an allen vier Tagen zum Verkauf an. Lesungen und Fachdiskussionen finden im großen ARD-Hörbuch-Forum und im FOCUS-Hörbuch-Café statt, zum Beispiel zum Einsatz von Hörbüchern im Unterricht, zu Geräuschen und Musik speziell im Hörspiel, aber auch zur Vergütung von Autoren und Übersetzern – bis hin zu unterhaltsamen Methoden der Wissensvermittlung. Zehn Sprachen in zehn Minuten? Am Messedonnerstag folgt der Beweis.

Oliver Zille: Stabil in Krisenzeiten
"Der Schwerpunkt Hörbuch, der schon seit vielen Jahren zu den Kernkompetenzen der Leipziger Buchmesse gehört, zeigt sich auch in Zeiten der Krise stabil. Das gilt sowohl für die Ausstellungsfläche als auch für die Zahl der gemeldeten Veranstaltungen", erklärt Messedirektor Oliver Zille. "Damit bleibt die Leipziger Buchmesse wichtigster Treffpunkt für die Branche und das hörbuchbegeisterte Publikum." Projektreferentin Gesine Neuhof, die den Hörbuchbereich betreut, schließt sich an: "Wo sonst kann man bekannte Schauspieler, Sprecher und Autoren so geballt in Aktion erleben? Die Leipziger Buchmesse ist, ohne zu übertreiben, ein wahres Paradies für Hörbuchfreunde."

Berühmte Stimmen

Vom 18. bis 21. März bringen viele Prominente das geschriebene Wort zum Klingen: Günter Grass, Volker Lechtenbrink, Ben Becker, Nina Petri, Enie van de Meiklokjes, Eugen Drewermann, Stephanie Stumph und viele andere. Hinzu kommen zahlreiche Synchronsprecher wie David Nathan (deutsche Stimme von Johnny Depp), Oliver Rohrbeck (Ben Stiller), Simon Jäger (Heath Ledger), Annina Braunmiller (Bella aus den "Twilight"-Filmen) und der frischgebackene Hörbuchpreis-Gewinner Andreas Fröhlich (Edward Norton). So verwundert es nicht, dass am Messefreitag unter anderem über die Unterschiede zwischen klassischen Hörspielen und so genannten Filmhörspielen diskutiert wird. Überhaupt gilt bei den Veranstaltungen im Hörbuchbereich: Mitdiskutieren erwünscht!

Nebenrolle zu gewinnen

Erstmals präsentiert sich auch die Internet-Gemeinde auf einem eigenen Gemeinschaftsstand: Mehrere Hörspiel-Webseiten - gemeinsam zu finden auf www.hoerspielgemeinschaft.de - zeigen ihre Bandbreite an Services, stehen den Fans Rede und Antwort und locken dazu auch zahlreiche Hörbuch-Stars zu Autogrammstunden an den Stand. Höhepunkt des Projekts ist eine Aktion am Messe-Samstag: In Kooperation mit der Leipziger Buchmesse werden die besten Sprechertalente in einem Casting-Finale gekürt. Hauptpreise sind Nebenrollen in Produktionen der bekannten Hörspiel-Labels Lauscherlounge und Ohrland.

Im Trend: Facebook und Twitter

Wie wichtig das Internet für die Hörbuchbranche geworden ist, zeigt das wachsende Engagement vieler Verlage in sozialen Netzwerken - dort, wo sich viele potenzielle Hörer aufhalten. "Wir beschäftigen uns gerade intensiv mit diesem Bereich und überlegen, wie wir den Kunden, die gar keinen klassischen Buchladen mehr besuchen, im Netz eine attraktive Plattform bieten können", erzählt Katja Krause, Programmleiterin des DAV und ebenfalls Sprecherin des AK Hörbuch. Potenzial, neue Hörer zu erreichen, sieht sie in Foren, Newsgroups und auf Portalen - "mit genauer, zielgruppenadäquater, moderner und multimedialer Ansprache". Twitter, Facebook & Co. als Schlüssel zum Erfolg? Christian Bärmann, Chefredakteur des Printmagazins "hörBücher", ist sicher: "Gerade Facebook ist für Hörbuchverlage wie geschaffen, weil sich hier prima Hörproben und Trailer unterbringen lassen, um die Neugier zu wecken." In wenigen Monaten schlossen sich 1.500 Facebook-Fans an, außerdem über 200 "Follower" bei Twitter – Tendenz rasant steigend. "Hinzu kommt, dass immer mehr Menschen soziale Netzwerke mobil nutzen werden, zum Beispiel per Smartphone oder sogar mit dem neuen iPad von Apple."

15.000 Titel zum Download

Doch nicht nur der Wunsch nach Informationen rund ums Hörbuch wird per Internet gestillt, sondern seit Jahren vor allem der Verkauf: Mehr als zwei Dutzend Hörbuch-Downloadportale buhlen um die Gunst der Kunden und bieten gut 15.000 verschiedene Titel zum kostenpflichtigen Herunterladen an - eine Anbieter-Übersicht findet sich auf www.hoerbuch-downloads.de. Noch liegt der Anteil der bezahlten Hörbuch-Downloads bei geschätzten fünf Prozent des Hörbuchmarktes, doch der Umsatz steigt stetig, und zahlreiche Verlage können schon zweistellige Download-Anteile vermelden. Immerhin liegen Hörbuch-Downloads in Deutschland bereits auf dem Niveau von Musik-Downloads per Handy (etwa zehn Millionen Euro). "Von der vielzitierten Stagnation des Hörbuchmarktes kann aus unserer Sicht nicht die Rede sein", erklärt Nils Rauterberg, Geschäftsführer des Download-Marktführers Audible.de, bei dem 2009 weit mehr als eine Million Hörbücher im Online-Warenkorb landeten. "Wir haben im Verlauf des letzten Jahres das mit Abstand stärkste Wachstum seit unserem Bestehen erlebt - im Vergleich zum Vorjahr mit einer Vervielfachung des Kundenwachstums."

Neue Vertriebswege

Eine Einschätzung, die auch andere Hörbuchportale wie etwa Soforthoeren.de oder Claudio.de bestätigen. Damit sind die "virtuellen" Hörbücher zu einer weiteren Säule im Geschäft der Verlage geworden, die längst gezwungen sind, neben den klassischen Vertriebswegen auch viele neue zu beschreiten. Denn Hörbücher gibt es praktisch überall zu kaufen, zum Beispiel an Tankstellen und Raststätten, in Spielzeug- und Blumenläden, Apotheken und Supermärkten, über Großhändler von Computerzubehör ebenso wie über Einkaufsgemeinschaften für Eltern. Selbst Ausleihen ist jetzt möglich: Die Online-Videothek Verleihshop.de vermietet bereits 1.000 Hörspiele und Lesungen, und demnächst will die "Hörbar", der Verpackungsspezialist Pit & Land, sogar mit Miet-Modellen an Tankstellen starten.

"Die verschiedenen Kanäle werden sich auch künftig gegenseitig beflügeln", ist Audible-Chef Rauterberg überzeugt. "Schließlich ist die wichtigste Herausforderung für weiteres Marktwachstum nach wie vor die Vergrößerung der Aufmerksamkeit für das Medium Hörbuch. Und da sind alle Marktbeteiligten gefordert, mehr positive Ersthörerfahrungen zu schaffen." Ähnlich sieht es Katja Krause beim physischen Produkt: "Um den Markt attraktiv zu halten, müssen wir qualitativ hochwertige Produkte veröffentlichen, die unsere Vielkäufer bei Laune halten und unsere Erstkäufer für das Medium einnehmen."

Weniger Titel, mehr Qualität

Doch immer mehr Hörbücher von immer mehr Verlagen auf immer mehr Vertriebswegen? Die berechtigte Frage, wie lange das noch gutgehen kann, wird auch in der Branche lauter. Seit 2008 spaltet sich die Verlagswelt in Gewinner und Verlierer - die ersten großen Labels sind schon nicht mehr präsent. "Ich gehe davon aus, dass sich weiterhin die Spreu vom Weizen trennen wird", schätzt Cornelia Camen, Hörbuchexpertin beim Fachmagazin "BuchMarkt". "In den letzten Jahren haben zu viele Anbieter versucht, ein Stück vom Kuchen abzubekommen, indem sie nachlässig produzierte Hörbücher auf den Markt geworfen haben, mit ungeeigneten Sprechern und einer Regie, die diesen Namen nicht verdient. Meine Prognose für 2010: Es wird weniger Titel geben, aber es werden mehr Hörbücher gekauft."

Auch Sabine Schwietert vom "Börsenblatt des Deutschen Buchhandels" sieht das Thema Qualität im Fokus: "In der Branche dürfte Einigkeit herrschen: Schlechte Produktionen schaden dem guten Image des Hörbuchs. Wer einmal ein schlechtes gehört hat, ist für ein gutes verloren - da hilft auch kein Dumpingpreis." Allerdings würden gute Produktionen zunehmend als eine Art "Taschenhörbuch" angeboten, das heißt wie beim Buch gebe es das Hörbuch mit zeitlichem Abstand in kostengünstigerer Verpackung. So haben fast alle Verlage preiswerte Sonderausgaben oder Nachauflagen mit hoher Qualität im Angebot - auch über diese informieren die Aussteller auf der Leipziger Buchmesse.

Fachwissen für Buchhändler
Weiter zuversichtlich ist man im klassischen Buchhandel, der beim Vertriebsanteil in den letzten Jahren zunehmend Federn lassen musste: "Über die Zukunft von Hörbüchern machen wir uns keine Sorgen, da sie von unseren Kunden nach wie vor häufig nachgefragt und auch gekauft werden", freut sich Tom Kirsch, Geschäftsführer der Buchhandelskette Thalia. Ebenso berichten die Vertreter des Hörbuch-Marktführers "Der Hörverlag" von einer positiven Stimmung im Handel. Allerdings sieht Anne Künstler, Buchhändlerin und Hörbuch-Coach (www.hoerbuchseminare.de), noch Handlungsbedarf: "Wichtig ist, dass die Ausbildung der Buchhändler, die im Hörbuchbereich arbeiten, speziell und umfassend ist. Wer über die spezifischen Eigenheiten des Mediums, zum Beispiel Hörbuchgattungen, Qualitätskriterien, Bestell- und Bibliographier-Möglichkeiten, Bescheid weiß, hat handfeste Wettbewerbsvorteile." Auch hierfür bietet die Leipziger Buchmesse regelmäßig Fachveranstaltungen an, diesmal zum Beispiel zum Verkauf von Hörspielen im beliebten Genre Fantasy.

"Leipzig hört"

Übrigens bietet das umfangreiche Veranstaltungsprogramm "Leipzig hört" nicht nur tagsüber auf dem Messegelände, sondern auch abends in der Innenstadt für jeden Besucher besondere Hörerlebnisse - von den Gewandhausbläsern bis zur Rock-Oper. Von Mittwoch bis Samstag steht die Alte Handelsbörse wieder im Zeichen des Hörbuchs und sorgt mit bekannten Sprechern und Autoren für spannende Hörbuchnächte - präsentiert von FOCUS und MDR Figaro. Große Tradition hat die "ARD-Radionacht der Hörbücher": Am Messe-Freitag ab 20.05 Uhr übertragen alle Kulturwellen der ARD die mittlerweile zehnte Radionacht, die mit zahlreichen prominenten Gästen live von der Leipziger Buchmesse gesendet wird.

Messerundgänge für Einsteiger und Hörbuch-Fans

Zuviel Hörbuch auf einer Buchmesse? Kein Medium ist so nah am Buch – deshalb sorgt das Leipziger Messeteam immer wieder für Überraschungen fürs Auge und Ohr. Eine Einführung in alle Neuerungen und Highlights bieten zwei Rundgänge mit Experten: am Donnerstag, 18. März, sowie am Freitag, 19. März, Start jeweils 10.30 Uhr im Hörbuch-Café (Halle 3, B 500) - offen für alle, die mehr über das faszinierende Medium wissen möchten. Ebenso erklärt der offizielle Hörbuch-Podcast der Leipziger Buchmesse in
Form einer kleinen Radiosendung auf www.hoerbuch-podcast.de akustisch
über alles Wissenswerte rund um den Messe-Schwerpunkt Hörbuch.

Anhaltende Faszination
Fazit: Der Hörbuchmarkt hat sich gefestigt und kann - trotz oder gerade wegen einer gesunden Marktbereinigung - selbstbewusst in die Zukunft schauen. Gegen ein Zweit- oder sogar Drittverwertungs-Image muss die Branche zwar noch kämpfen, doch immer mehr Literaturfreunde begreifen das Medium als eigenständiges Kunstwerk und als reizvolle Ergänzung zum Buch. "Vergessen sollten wir das mittlerweile abgegriffene Lob vom Kino im Kopf", wünscht sich Theresia Singer vom Headroom Verlag sowie AK Hörbuch. "Schließlich müssen wir uns nicht mit dem Kino vergleichen, das letztlich Bilder doch nur vorschreibt. Das Hörbuch generiert diese Bilder individuell und damit ungleich vielfältiger." Ihre Kollegin Katja Krause fügt hinzu: "Es werden sich nie alle Menschen, die auch Bücher lesen, auf Hörbücher einlassen. Aber wer es tut, der weiß, dass Lesungen, Features und natürlich Hörspiele viel farbiger, vielstimmiger und musikalischer sind als die Lektüre eines Buches im stillen Kämmerlein. Es ist ein komplett anderes Rezipieren."

Quelle: www.leipziger-buchmesse.de

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